BYBLOS – Buchvorstellung

8 Sep

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Geschichten aus Byblos

Meines Wissens gibt es noch kein Buch zur Geschichte der Stadt Byblos im Libanon in deutscher Sprache. Deshalb habe ich eins geschrieben.

Für die Komposition des Buches habe ich eine Idee von James Michener aufgegriffen und verbinde erfundene historische Geschichten, die alle am selben Ort zu unterschiedlichen Zeiten spielen mit gegenwärtigen Fragen nach der Situation im Land.

Der präsentisch geschriebene Bericht der Ich-Erzählerin, die im Auftrag ihrer Redaktion herausfinden soll, warum der Libanon nicht im Chaos von Krieg und Terror versinkt, wie umliegende Länder wird vier Mal unterbrochen vom Blick in die Vergangenheit. Abgespannt von den Eindrücken der Gegenwart erlebt sie – wie im Traum- welche kulturellen und sozialen Entwicklungen in vergangenen Jahrtausenden gründend für die heutige Toleranz und Gelassenheit wurden.

Ausgehend von dem Ort, an dem sie untergekommen ist – einem Restaurant mit anschließenden Höhlen im Felsgestein, stellt sie sich vor, wie Menschen früher an diesem Ort gelebt haben.

(Dieses Restaurant und die Höhlen gibt es wirklich.)

Die erste Geschichte spielt vor vielen tausend Jahren und erzählt von der Begegnung einer Homo Sapiens Gruppe mit einer Neanderthalgruppe.

Der junge Mann Bo jagt ein Wildschwein, als Männer einer unbekannten Gruppe kommen und ihm die Beute wegschnappen. Er beobachtet versteckt, welche seltsamen Riten die Fremden mit dem getöteten Tier ausführen. Mit leeren Händen kehrt er zu seiner Gruppe zurück, die dank der Erfindungsgabe der Frauen heute fette Fische essen können. In der Nacht hören sie fernes Trommeln und neugierig macht sich Bo mit Meta, der Heilfrau der Gruppe und deren Partner auf den Weg, um zu erkunden, was passiert ist. Sie treffen auf die fremde Gruppe, deren Männer, die gestern das Tier erbeutet hatten, im Sterben liegen. Meta’s Erscheinen lässt die Frauen und Kinder dieser Gruppe zunächst an das Wiederkommen ihres Clangeistes glauben. Aber Meta kann den Männern nicht mehr helfen, sieht aber die Ursache für deren Krankheit im Verzehr des rohen Fleisches.

Der Tod der Männer wird ihr angelastet, aber geschickt versteht sie sich zu verteidigen, bis die Gruppe ihr glaubt, dass nicht sie die Männer getötet hat. Sie bietet den Frauen den Schutz ihrer eigenen Gruppe an. Dann darf sie mit Bo und ihrem Partner, Rebu, an den Beerdigungsriten der Gruppe teilnehmen und sie zu ihrer heiligen Wasserstelle begleiten.

Das Zusammenleben der beiden Menschengruppen wird nicht spannungsfrei sein. Zum Glück gibt es mehrere Höhlen.

 

Die zweite Geschichte spielt um das Jahr 960 v. Chr. als Byblos, damals Gebal genannt, ein phönizischer Stadtstaat war. Tamea lebt mit ihren drei Kindern und einer schwarzen stummen Sklavin im Haus vor den Höhlen und versucht das Geschäft ihres verstorbenen Mannes allein weiterzuführen. Er war Holzhändler, verkaufte gute Zedern nach Ägypten und kam bei einem Unfall ums Leben. Tamea wartet seit Wochen umsonst auf Schiffe aus Ägypten. Niemand in der Stadt weiß, warum sie ausbleiben. Ein Fremder kommt in die Stadt gelaufen und rettet sich an die Hörner des Altars der Stadtgöttin vor seinen Verfolgern. Der oberste Priester verzögert seine Auslieferung, der König wird eingeschaltet und plötzlich ist der fremde aus dem Tempel verschwunden. Er taucht in Tameas Höhle wieder auf, täuscht eine Flucht vor und hilft seiner Gastgeberin beim Geschäft, die sich in ihn verliebt. Als endlich ein Schiff in Sicht kommt, ist es kein ägyptisches und die Besatzung scheint krank zu sein. Sie bitten um Wasser. Die Stadtoberen sind unsicher, wie sie reagieren sollen, fürchten ein „trojanisches Pferd“ in die Stadt zu lassen. Man versteht die Fremden auch nicht. Nur die stumme schwarze Sklavin kann plötzlich sprechen und verständigt sich mit der Schiffsbesatzung. Weil der König zur Jagd ausgeritten ist, beruft der oberste Priester eine Volksversammlung ein. Auf dieser gewinnen religiöse Fanatiker die Oberhand mit dem Ergebnis, dass für den nächsten Tag eine Pilgerung zur heiligen Quelle Afqa angesetzt wird. In der folgenden Nacht unterstützt eine kleine Gruppe solidarischer Menschen die Sklavin Mora bei der Lebensrettung der Seeleute. Der Pilgerzug am frühen Morgen nimmt eine ganz überraschende Wendung, führt zum König und klagt ihn wegen seiner Verantwortungslosigkeit an. Nach dem Auftritt von Mora, der noch nicht zu einer Lösung geführt hat, muss auch Tamea allen Mut zusammennehmen, um vor dem König zu gestehen, dass sie weiß, warum keine ägyptischen Schiffe mehr kommen. Ihr Beweis ist ihre Quelle, Joramu, der sich noch versteckt halten muss. Wird der König ihm glauben, dass sein Königsbruder von Tyrus ein Komplott mit den Ägyptern gemacht hat, um den attraktiven Zedernhandel an sich zu binden? Oder wird er ihn ausliefern. Alle Beteiligten spielen nur mit einer Karte – und tatsächlich gewinnen am Ende alle.

 

Die dritte Geschichte spielt im Jahr 529, vier Jahre nach dem verheerenden Erdbeben. Die halbe Stadt ist noch zerstört. Im Haus vor den Höhlen lebt Danja mit ihren drei fast erwachsenen Kindern. In dieser Familie spiegelt sich der große Kirchenstreit der Spätantike und die immer unübersichtlicher werdende politische Situation im oströmischen Reich.  Markon, der älteste Sohn, Schulschwänzer und Wandervogel, tendiert staatstreu zu den Kaiserlichen. Sein jüngerer Bruder, Darjos, Klassenprimus und Sprachgenie vertritt die überlieferte Lehre, aus der die syrisch-orthodoxe Kirche hervorgeht. Die Schwester Marja steht dazwischen und versucht – vergeblich – zu vermitteln. Prügelattacken zwischen wandernden Mönchshaufen, vertriebene Philosophen aus der von Kaiser Julian geschlossenen Akademie in Athen, ein geheimnisvoller jüdischer Arzt und seine schöne Tochter, und irische Weltreisende beleben u.a. die Stadt und begegnen in unterschiedlichen Konstellationen unseren Brüdern und verwickeln sie in die zum Teil chaotischen Zustände vor dem Erscheinen des Islams.

Als Danja sterbenskrank wird kann Darjos sie überreden, sich von dem jüdischen Arzt behandeln zu lassen, bei dem er heimlich Persischunterricht nimmt. Um ihn für seine Heilkunst bezahlen zu können, verdingt sich Darjos im Hafen und wird zum Stadtführer der drei vertriebenen griechischen Philosophen, deren mitgebrachte Bücher er auf abenteuerliche Weise schließlich in den Höhlen vor dem Verbrennen retten kann, wo sie später von irischen Mönchen abgeschrieben und nach Europa gebracht werden. Die Philosophen allerdings landen im Gefängnis, doch mit Schauspielerei und einem schlauen Trick gelingt es Simon, dem jüdischen Arzt, sie außer Landes zu schmuggeln.

Markon entkommt den Rivalitäten der Mönchsgruppen, als er, mit einer Karawane unterwegs nach Palästina, auf konspirative Weise die Samaritaner, die gerade wieder einen Aufstand gegen die römische Besatzung verloren haben, ins Ausland retten soll. Er findet schließlich seine Bestimmung und inneren Seelenfrieden als Ikonenmaler in der judäischen Wüste.

 

Die vierte Geschichte beginnt im Jahr 1839 und endet 20 Jahre später. Ein maronitischer Priester und seine Familie leben inzwischen im Haus vor den Höhlen. Elias versucht, in der inzwischen bedeutungslos gewordenen Kleinstadt mit seiner Familie ein kleinbürgerliches Leben aufrecht zu erhalten. Seinem Schwager, Ingenieur George, der bei Franzosen in Ägypten studiert hat, gelingt es schließlich, durch Baumaßnahmen im Hafen eine neue Entwicklung der Stadt in Gang zu setzen. Elias jüngerer Bruder Theophilos, ein Luftikus wie es scheint, arbeitet in Beirut bei ausländischen Missionaren und Georges älteste Tochter, Zahira, als Dienstmädchen beim Konsul des Königreiches von England. So kommt allmählich eine Begegnung mit der Entwicklung in anderen Weltteilen zustande. Das erste Photo, das in Byblos besichtigt wurde, oder ein Magazin, das die neue Technik des Eisenbahnverkehrs beschreibt bringen die Bewohner der Stadt ordentlich durcheinander und zum Teil gegeneinander auf. Die Gesellschaft der Frauen nimmt parallel dazu eine eigene Entwicklung und eines Tages tauchen Soldaten der Hohen Pforte von Istanbul auf, die die Jugend des Städtchens gehörig aufmischen. Zahira verliebt sich in einen von ihnen, der aus dem fernen irakischen Hochgebirge stammt, in das sich im 1. Jh.  die aus Jerusalem vertriebenen ersten Christengemeinden zurückgezogen hatten. Unter dem Einfluss des englischen Konsuls lassen sie sich schließlich von einem protestantischen Missionar trauen und damit wird das Aufeinanderprallen der Kulturen und Religionen des orientalischen Nahen Ostens und des europäisch-amerikanischen Liberalismus für alle sichtbar und zeichnet nun für jeden der Protagonisten einen unvorhergesehenen individuellen Lebensweg auf.

Elias älteste Tochter, Gabriela, wird Nonne und gründet ein eigenes Frauenkloster, sein älterer Sohn, Petronius, etwas schwermütig, lernt gemeinsam mit seinem schwulen Cousin im Kloster Balamand die Kunst des Malens und Holzschnitzens. Der jüngere Sohn Paulinos, Clown und Spaßvogel, verunglückt schwer und wird schließlich Priester, während die jüngste Tochter, Antonia, Musikerin wird und erste Klavierlehrerin in Byblos.

Elias, alt und müde gekämpft in den Auseinandersetzungen seiner Zeit, findet am Lebensende sogar zur Freundschaft mit dem muslimischen Arzt, der seinem Sohn Paulinos das Leben gerettet hat.

Dieser sitzt am Ende vor dem  – heute noch existierenden – Restaurant am Hafen und schaut zurück auf die Begegnungen mit der Vielfalt unter der Sonne, die diese Stadt geprägt hat.

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Reformation und Naher Osten

27 Jun
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Prof. Dr. Assaad Kattan, Rev. Dr. Uwe Gräbe, Prof. Dr. George Sabra, Prof. Dr. Martin Tamcke

Hier eine kürzest mögliche Zusammenfassung von Stimmen aus dem Nahen Osten zur Frage: Was ist der Beitrag der reformatorischen Kirchen im Nahen Osten, welche Rolle spielen sie und was ihre Botschaft!

  • Mit reformatorischen Ideen, wie (persönliche) Freiheit, Unabhängigkeit, Entzauberung der Welt, Bildung für alle, Bibel in Volkssprachen usw. wurde der Nahe Osten im 19. Jh. durch Missionare aus Europa und Amerika konfrontiert. Menschen, die sich von diesen Ideen angesprochen fühlten, gründeten schließlich unabhängige Kirchen in der Region.
  • Diese Kirchen vervollständigen und bereichern heute die Ökumene vor Ort.
  • Mehr noch als die katholischen bilden die evangelischen Kirchen eine Brücke zwischen Ost und West und erklären Orient und Okzident einander.
  • Die wichtigste und vornehmste Aufgabe der reformatorischen, sowie natürlich eigentlich aller Kirchen ist die Verkündigung des Evangeliums.
  • das kann auf zwei Wegen geschehen:
  • die „sakramentalen“ Strömung – in ihr kommt es auf Kirchenstrukturen,      Amtsverständnis, Riten, Bilder etc. an
  • die „prophetische“ Strömung – in ihr kommt es vor allem auf „das Wort“ an.

Zum ersten Weg gehört heute auch neuer Aberglaube, etwa in Form von verschwörungstheorien. Mit dem zweiten Weg werden Stichworte verbunden, wie (Selbst-)Kritik, Demokratie (auch innerkirchlich: Frauenordination, Eucharistie für alle,…), Verantwortung für Gesellschaft und Schöpfung.

Im Libanon gibt es viele konfessionell gemischte Familien (zB protestantisch+orthodox) in denen beides gelebt wird.

Wir sahen zB einen kleinen Film, wie in einem protestantischen Haushalt die Mutter (griechisch-orthodoxer Herkunft), überall in der Wohnung Weihrauch entzündete und die Kinder damit segnete und auch ein Christusbild, „aber nicht eins mit Gold und so sondern arm und schlicht, also ein evangelisches“.    In katholischen Häusern findet sich eher eine Marienstatue als ein Kreuz, mit der „theologischen“ Begründung, das Jesus die Kirche ja an Maria übergeben hat.

Auch gegenüber dem Islam sind die reformatorischen Kirchen eine genuine Stimme: Stichwort: Gnade oder Gesetz. „Leben ist mehr als Scharia, Liebe mehr als Barmherzigkeit“. Erlösung gibt Christus, wenn ich mich von seiner Verkündigung ansprechen lasse und nicht das tue, was mir ein Priester, Imam oder sonstwer „als den richtigen Weg zum Himmel“ weismachen will.

Ich wünsche den Protestanten im Nahen Osten und ihrer Ausbildungsstätte NEST Mut, Geduld und Ausdauer in ihrer prophetischen Mission. Und allezeit GOTTES  SEGEN!

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Altar in der Kapelle der NEST

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Braucht der Islam einen Martin Luther?

25 Jun
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Prof. Tarif Khalidi

„Nicht einen, sondern viele“, sagt Prof. Tarif Khalidi und sie sollten gemeinsam in offener Debatte herausfinden, wie der Koran im 21. Jahrhundert angemessen zu interpretieren ist.

Heute war der Tag u.a. der Begegnung mit dem Islam gewidmet. „Es gibt kein Hindernis, warum der Islam nicht in demokratischen und säkularen Staaten existieren können soll. Er braucht keinen  „muslimischen Staat“.

„Die Trennung von Religion und Regierung, die Wertschätzung von Philosophie, Kunst, Literatur und Musik als Teil der Bildung für alle, in einer offenen Gesellschaft, sowie andere, moderne Methoden  der

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Sheikh Abdul Latif Daryan (Mitte) Mufti der Republik Libanon

Auslegung des Korans – das brauchen wir im 21. Jahrhundert“, sagt der Historiker, der in Oxford und Cambridge lehrte und dann den  „Sheikh Zayed Lehrstuhl“ an der AUB in Beirut innehatte.

Ganz anders gestaltete sich der Besuch beim Großmuft vom Libanon, der uns in seiner Residenz empfing und ganz anders hörte sich auch an, was er uns sagte.

Natürlich hat so ein Empfang seine Regeln. Wir Frauen mussten unsere Köpfe mit Tüchern bedecken und zur Begrüßung und Verabschiedung reichte er nur den Männern die Hand.

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Seltsames Gefühl

„Ja, wir brauchen Erneuerung. Erneuerung der Religion und der religiösen Erziehung der Jugend, um wieder zu den eigentlichen Wurzeln des Islam zurück zu kehren.“ Er sprach auch viel von Liebe, gegenseitigem Respekt, Gerechtigkeit und friedlichem Zusammenleben. Die Basis der Religion (die fünf Säulen des Islam) steht natürlich unabänderlich fest. Aber die Methoden, wie sie gelehrt werden, könnten erneuert werden.

Schon seltsam das Gefühl, im Kopftuch eingesperrt zu sein. Ich nehme mich selbst anders wahr. Das Tuch macht etwas mit mir, verändert mich irgendwie. Ich spüre, das ist nicht meine Kultur. Meine Identität bleibt aber, dass ich darüber nachdenken und es einordnen kann. Ich muss es nicht – ich tu’s aus Höflichkeit und Respekt.

Doch der Respekt des Islam vor den anderen hört im Schulbuchprojekt von „Adyan“, in dem gemeinsame Werte gelehrt werden, an der Stelle auf, wo die Religionsfreiheit kommen müsste. Das geht nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heilige und Künstler in luftigen Höhen

24 Jun

von Wolfgang Grieb (mein erster Blogeintrag seit Dezember 2012)

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Heiliger Mar Charbel

Nach zwei Tagen intensiver Begegnun- gen und Gesprächen gönnten wir uns heute (Donnerstag 23.Juni) einen Ausflug in die schöne libanesische Bergwelt. Raus aus der drückenden Schwüle Beiruts sehnten wir  uns nach Inspiration und Rekreation  in luftigen Höhen.           Unser erstes Ziel war der Ort Aannaya, 20 km östlich und 1000m über Byblos.    Hier befinden sich das Grab und eine Erimitage von St. Charbel, dem heute wohl populärsten Heiligen Libanons.

P1310137-klMar Charbel lebte als maronitischer Mönch im 18. Jahrhundert viele Jahre im Wadi Kadischa und in  Aannaya. Seine Hingabe in Askese, Gebet und Seelsorge  machten ihn schon zu Lebzeiten berühmt. Viele Wunder und Heilungs-erfahrungen ranken um sein Leben und um seine Grabstätte, was im 20. Jahrhundert schliesslich auch zur offiziellen Heiligsprechung durch Rom  führte.Tausende Pilger und Wanderer ziehen täglich zu seinem Grab, um ihn zu verehren und um Hilfe in Not zu bitten.

DSC02910-klVieles erinnert mich hier an Lourdes.             In mehreren Kapellen gab es gleichzeitig Gottesdienste.  In einem Raum sind Hunderte Briefe ausgestellt, in denen Menschen dankbar erzählen, wie  sie durch die Fürsprache des Heiligen geheilt wurden. Im Auftrag eines muslimischen Freundes, der mir vor einigen Jahren diesen Wallfahrtsort mit tiefer, persönlicher Ehrerbietung  nahegebracht hatte, entzündete ich eine Kerze für seinen neugeborenen Sohn.

Eine besondere Stimmung liegt über diesem Ort, der wie  viele libanesische Klöster in einer wunderbaren Landschaft zwischen hohen Bergen und tiefer Meeresebene.liegt, und zum Ruhig werden einlädt.

P1310163-kl Nun ging es die nächsten 50 km durchs Hochgebirge.. An Obstplantagen, bizarre Felsformationen und Ziegenherden vorbei,  auf engen, mit mit Photovoltaik betriebene Straßenlaternen gesäumten Wegen entlang, mit stets neuen berau-schenden Ausblicken in die Tiefe oder zu den Höhen, bis wir nach drei Stunden  die Bergstadt Becharré  erreichten.              Hier, hoch über dem Wadi Kadischa  er- warteten uns die nächsten heiligen Orte: P1310174-kl

Eine kleine erfrischende Wasserquelle in der Nähe einer alten Erimitage soll von der Jungfrau Maria eigenhändig gestiftet worden sein, um einem alten Mönchen das mühselige Wassertragen auf den Berg zu ersparen. Seitdem werden an diesem Wasser ähnliche Heilungskräfte wie an der Lourdquelle  erfahren.  Vielleicht hat darum der Künstler Khalil Gibran (1883-1931) die angrenzende Erimitage zu seiner Ruhestätte erkoren und P1310236-kl

zu dem Ort erwählt, an dem die Nachwelt in einem beindruckenden Museum seine Werke  bewundert. Wer kennt nicht seinen Weltbestseller, den mystisch- philoso- phischen Ratgeber „Der Prophet“. Dass Gibran darüber hinaus ein einfühlsamer Maler ist, der die Geheimnisse um Leben, Liebe und Sterben in allegorischen Menschengestalten und vom Wadi Kadischa geprägte   Landschaften einkleidet,P1310183-kl

wurde mir erst in diesem Museum bewusst.

Man braucht Zeit, um sich in seine Bilderwelt einzulesen und seine Botschaft von der Einheit von Mensch und Natur und von Zeit und Ewigkeit  aufzunehmen.

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Der Heilige Charbel und der moderne ProphetKhalil Gibran sind beide  Botschafter von einem Leben, dass sich naturverbunden der Erde zugewandt und doch zugleich zum Himmel berufen weiß.

Von erhabener Größe zeugen darum auch die großen Zedern im Becharre-Naturrervat, die wir vor unser Heimfahrt noch aufsuchten.

Inspiriert von so viel Heiligkeit und Natürlichkeit traten wir zügig die Rückfahrt an, und taten  in Hamra der Seele noch dadurch  Gutes, in dem wir unseren  Körpern genussvolle orientalische Salate und libanesisches Bier zuführten.

 

 

Palis

22 Jun
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Bei JCC in Beirut Links Sylvia Haddad Mitte Assistentin Carla

Sylvia Haddad wurde 1948 in Jerusalem geboren, aber sie hat keine Erinnerung mehr an ihr Haus, denn lange konnte sie dort nicht wohnen. Ihre Familie floh mit ihr nach der Gründung des Staates Israel in den Libanon. Hier engagiert sich die gelernte Erziehungswissenschaftlerin  seit 20 Jahren im JCC, „Gemeinsames Christliches Komitee für Soziale Dienste im Libanon“, eine der ältesten NGO’s, die seit 1950 mit palästinensischen Flüchtlingen im Libanon arbeitet.

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Unser Peug

 

Sie erzählt uns von den über 50 000 palästinensischen Flüchtlingen aus Syrien, die nun schon zum zweiten Mal Flüchtlinge geworden sind und hier in Lagern leben, in denen es ihnen wesentlich weniger gut geht, als sie es früher in Syrien hatten. Wir haben Sylvia schon vor Jahren in den palästinensischen Flüchtlingslagern in Beirut, Sabra und Shatila, kennen gelernt und die Sysiphusarbeit, die sie dort leistet, das Leben aufrecht zu erhalten  und Kindern Bildung zukommen zu lassen. Heute empfiehlt sie uns, kennenzulernen wie JCC mit den palästinensischen Flüchtlingskindern in Sidon arbeitet.

Wir setzen uns ins Auto und brausen los. Erstaunlicherweise ist heute in Sidon mehr Verkehr, als in Beirut. Hier in der quirligen Innenstadt hat JCC eine Etage in einem Haus

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Mädchenklasse

gemietet, fünf Klassenräume und zwei Büros eingerichtet und hier werden nun täglich  etwa 200 Kinder, die mit ihren Eltern im Flüchtlingscamp leben, in allen Fächern des syrischen Curriculums unterrichtet.Heute, im Ramadan, malen die Kinder nur Bilder oder basteln Blumen.

Zum stattlichen Examen fahren die Lehrer auf einer riskanten Reise mit den Schülern nach Damaskus in Syrien, wo sie tagelang an den Abiturprüfungen teilnehmen. Wenn sie die schaffen, wollen sie in Syrien studieren. Wo denn sonst? Das Land muss schließlich wieder

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Grundschulklasse

aufgebaut werden.

Am Nachmittag besuchen wir noch Fadi Daou in der interreligiösen NGO „Adyan“ und treffen hier auch Nayla wieder, die wir noch von früher kennen. Auch Adyan macht Bildungsarbeit, wie so viele private und internationale NGO’s hier. Überall werden ein paar syrische Flüchtlingskinder unterrichtet. 25 % von allen (  und das sind immerhin eine halbe Million) werden nachmittags in öffentlichen libanesischen Schulen von syrischen Lehrern unterrichtet. Ziel ist es, möglichst viele Kinder fit zu machen, dass sie an libanesischen Schulen weiterlernen können. Das Niveau ist hier ein anderes und die Unterrichtssprachen sind Englisch und Französisch, in Syrien nur Arabisch.

Außer vielen Details zur Situation von Flüchtlingen und Bildung ist natürlich auch mit allen Gesprächspartnern Gott ein Thema, und die Welt , die Politik und die Religion.

Diese wunderbaren Gespräche hier alle wiederzugeben übersteigt  Platz und Möglichkeiten. Gern für Interessierte mal direkt ausführlicher.

 

 

 

 

 

 

 

Bekaa

21 Jun
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Abendessen 1

Über eine Million Flüchtlinge im Libanon? Wo sind sie?

Im Zentrum von Beirut sieht man sie nicht, eigentlich überhaupt nicht entlang der Küste. Nur asiatische Hausangestellte laufen durch die Straßen, stehen im Supermarkt an der Kasse an. Tagsüber scheinen viele Libanesen zu schlafen. Dann fällt das Fasten auch leichter. Hier geht die Sonne um 20.05 unter. Dann rufen die Imame zum Gebet und zum Essen. Schon ab 19.30 sitzen viele Familen im Großverwandtschaftspack vor

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Abendessen 2

den edel gedeckten Tischen in den Restaurants und warten auf Iftar, das erste Essen des Tages. Unglaublich, wie viele Resataurants jeden Abend voll sind. Dabei ist das Essen nicht billig. Überhaupt ist der Libanon teuer, sogar für uns. Eine lokale SIM-karte gibts nur für mindestens einen Monat, 42 $. Und dann zahlt man noch die Gespräche drauf. Macht uns keinen Spaß. Jedenfalls sitzen viele Libanesen oft nach Mitternacht immer noch da und dann wird am nächsten Tag eben geschlafen. Viele Geschäfte öffnen auch erst abends.

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Montag nachmittag sind die ersten Kollegen eingetroffen, die auch an der Consultation teilnehmen wollen und wir beschließen mal gleich ein Programm.

Erste Reise mit dem neuen Auto (Bild kommt noch) geht wie alle Jahre in die Bekaaebene zur Schneller-Schule. Diese von deutschen Missionaren vor über 150 Jahren gegründete Schule nimmt vor allem Kinder aus bedürftigen

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In der Schneller-Schule

Familien, aber auch Waisen auf. Seit vier Jahren sind 10 % ihrer Schüler syrische Flüchtlingskinder. Sie haben schon Ferien, aber der Direktor, George Haddad, hat Zeit für uns und wir fragen ihm Löcher in den Bauch. Darüber freut er sich als guter Pädagoge und gibt uns engagiert Auskunft zu allen Themen, die uns interessieren.

350 Schüler zur Zeit, davon 10 % also 35 Syrer, die inzwischen voll integriert sind und keinen Sonderstatus haben. 23 syrische Kinder gehen außerdem in den Schneller-Kindergarten und 22 alleinerziehende Flüchtlingsmütter bekommen ein dreimonatiges Training  im Nähen oder Friseurhandwerk. Diese Arbeit für und mit syrischen Flüchtlingsfrauen hat sich als sehr erfolgreicher Renner etabliert. Und vor allem: muslimische und christliche Kinder lernen hier zusammen in Frieden zu leben und ihr eigenes Leben, sowie die Welt um sie herum konstruktiv zu gestalten. Solche Samen tragen Früchte, aber nicht alle Samen gehen gleichzeitig auf. Bei den letzten Lokalwahlen jedenfalls sind überwiegend junge Menschen, gut ausgebildet und per sozialer Medien international interessiert und vernetzt in die Rathäuser gewählt worden.

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In Kirbet Kanafar bei Rita und ihrer Familie (Rita zwischen Wolfgang und mir)

Schneller-school geht auch sonst voran. die gesamte Warmwasseraufbereitung und Heizung wird inzwischen solar beliefert. Nun ist das elektrische System dran und wer als Nächster die Schnellerschule besucht wird hoffentlich sehen können, welch schlaues System sie sich ausgedacht haben.

Aber in Kirbet Kanafar, in der grünen Ebene zwischen Libanon- und Antilibanongebirge gibt es neben den besten Weinfeldern auch noch anderes Gutes. Wolfgang wird immer wieder hierher kommen, wo er sich vor 3 1/2 Jahren das Bein gebrochen hat nach einem Besuch bei der Familie des Schreiners der Schneller-Schule. Dessen Tochter Rita hat dieses Jahr als Beste der Schule abgeschlossen und deshalb darf sie an einem Stipendienprogramm teilnehmen und wird demnächst einen Monat durch  Deutschland touren. Die Kommunikation mit ihr auf Deutsch klappt schon recht gut. (Ach, wenn doch unsere Flüchtlinge in Joachimsthal auch schon so weit wären!)

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Sawa-Mitarbeiter und Flüchtlingslagerkomitee in der Nähe von Riyaq

Über Sylvia Haddad (s. morgen) und ihre Mitarbeiterin Clara vermittelt haben wir dann  ein Treffen mit Leuten aus einem Lager.

Es gibt im Libanon keine offiziellen Flüchtlingslager, wie zB in Jordanien. Die Lager sind selbt organisiert und autonom verwaltet von den Flüchtlingen. Der UNHCR und andere Hilfsorganisationen können keine eigenen Lager errichten, arbeiten aber unterstützend in den Lagern, die existieren.

Dieses hier gibt es seit 2012. 40 Familien etwa 150 Menschen leben hier in zwanzig Zelten. UN-Leute haben Toiltten, Wasserleitungen und andere Infrastruktur beigetragen. Die  nigerianische NGO „Sawa“ DSC02886-klkümmert sich vor allem um Unterricht für die Kinder und Gesundheitsversorgung.

Über die Probleme mit dem Bildungswesen werden wir morgen hoffentlich mehr erfahren. Da die Lagerleute (Sunniten) nicht bereit waren, sich fotografieren zu lassen hier nur ein Detail. Dieses kleine Schild klebt auf allen Toiltten hinter den Zelten und will zeigen, das die UN hhier sind, auch wenn sie offiziell nicht viel tun dürfen.

 

 

 

 

 

Sonn(en)tag

19 Jun
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Happy Ramadan

Beirut ist wirklich in dieser Zeit eine fast stille Stadt, jedenfalls im Vergleich zu sonst. Wenig Verkehr auf den Straßen, viele Geschäfte geschlossen, die Restaurants ziemlich leer. Es ist Ramadan.

Und schon an einigen Schulen und Universitäten Ferien. Also sind viele  in den Urlaub gefahren.

Nach Urlaub ist mir nun auch ein bisschen.

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                                                                                                       Am „Strand“ in Beirut

 

Deshalb bin gestern gleich mal an den Strand gegangen. Na ja, Strand ist hier ja nicht so, wie an der Ostsee. Das Ufer ist felsig und tückisch, vorgelagert sind kleine steinige Miniinseln. Man kommt auch nirgends direkt ans Meer. Den einzigen Sandabschnitt hat jetzt eine syrische Mafia besetzt.

Wenn  man hier baden will, geht man in einen Club und da sieht es dann so aus:

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Meerwasserschwimmbad im Club

 

Angenehm zu schwimmen und ein ständiger Wind von See her macht das Liegen in der Sonne erträglich.

Vielleicht nicht der Idealurlaub für vier Wochen, aber für heute Nachmittag reicht es mir.

 

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Deutsche Evangelische Kirche in Beirut

 

Am Sonntag trifft sich die deutschsprachige evangelische Gemeinde in ihrer kleinen hübschen Kirche – eingeklemmt zwischen Hochhäusern – zum Gottesdienst.

Der heutige Predigttext steht im Römerbrief, Kapitel 12 (übrigens mein Trauspruch) und Pfarrer Jonas Weiß-Lange spricht über die entlastende Botschaft „Mein ist die Rache, spricht der Herr“. Wenn alle aufhören könnten, sich rächen zu wollen für all das Unrecht, das Menschen sich nun einmal antun, –  was für ein Frieden könnte dann ausbrechen! Wieviel Energie für Konstruktives würde dann frei!

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Ein Thema, das die Menschen hier auch bewegt, ist das Konzil der Orthodoxen Kirchen, das gerade auf Kreta begonnen hat. Das letzte fand statt im Jahr 787. Seit über 1200 Jahren treffen sich die Patriarchen und Bischöfe orthodoxer Kirchen wieder einmal. Und scheinen so zerstritten wie eh. Fünf von 14 Kirchenoberhäuptern sind gar nicht erst gekommen.

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Syrisch-orthodoxe Kirche in Byblos

Der slawische Block fehlt. So sind die orientalischen Kirchen unter dem Vorsitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartolomäus I. unter sich. Ich finde das aber nicht nur traurig. Wenn es nicht um Machtfragen gehen muss, können sich die Anwesenden vielleicht eher inhaltlichen Themen zuwenden. Das wäre dringend nötig, etwa unter dem Motto: Brauchen die Orthodoxen eine Reformation?

Darüber sollten sie nachdenken. Hier im Libanon kann ich erkennen, dass in manchen Kirchen – auch bei Beibehaltung der großartigen Traditionen, die sie haben, einige Anpassung an die Bedürfnisse der Menschen vonheute gelingen kann.

Jedenfalls wird das Konzil hier von starken Fürbitten begleitet.

 

 

 

Immer wieder Byblos

17 Jun
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Im „Bab al Mina“

Heute habe ich den ganzen Tag in meiner Lieblingsstadt verbracht –  und bin glücklich.

Hier im heutigen Restaurant Bab el Mina und in den Höhlen in seinem Hintergrund spielen die Geschichten meines Buches über Byblos.

Es gab gut gegrillten Fisch, frisch gefangen, in einer sehr freundlichen entspannten Atmosphäre. Frieden pur.

 

Auf der einen Seite das spiegelglatte Mittelmeer und frage mich: welche Tragödien spielen sich da draußen irgendwo gerade ab?  Die Angst und die Hoffnung in den Schlauchbooten und die Verzweiflung der Ertrinkenden —

Auf der anderen Seite, hinter den bis oben zugebauten Bergen die Ebene, Bekaa. Hunderttausende Syrer, geflohen vor dem Krieg noch ein paar Kilometer weiter, hinter den nächsten Bergen, in Zelten, auf den Feldern. Kampf ums Überleben. Die Würde des menschlichen Lebens geht dabei oft den Bach runter.

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In den Höhlen von Bab el Mina

Darf ich hier so glücklich sein und diesen Frieden genießen?

Aber würde es etwas ändern, wenn ich hier unglücklich wäre?

Ich wünsche, mein Buch möge dazu beitragen, die Erinnerungen an die Geschichte dieses besonderen Stückchen Erde wachzuhalten und Anregungen geben für die Aufgaben von heute.

Blick über das römische Theater auf die Königsgräber

Blick über das römische Theater
auf die Königsgräber

Die Stadt ist mir schon recht vertraut und ich bin noch einmal ins archäologische Ausgrabungsfeld gegangen. die Figuren meines Buches laufen für mich schon recht lebendig darin herum und ich kann mir immer besser vorstellen, wie sie gelebt haben.

Ich überlege, welches Verständnis die Menschen, die früher hier lebten, von Geschichte hatten. Sie haben nicht, wie sonst oft, neue Tempel auf die alten gesetzt, sondern jedes Bauwerk ein Stück höher am Hang gebaut, so dass sie auf das alte und Vergangene herabblicken konnten.

Kreuzritterburg

Kreuzritterburg

Selbst die Kreuzritter haben sich noch daran gehalten und über und hinter allen anderen gebaut, sodass es bis heute sichtbar geblieben ist.

Und welche Vorstellungen und Hoffnungen hatten die Menschen damals wohl für die Zukunft? Ob sie sich gefragt haben: wie wird es wohl in 2000 Jahren hier aussehen?

Heute erlebe ich, das Toleranz und Respekt die Tugenden sind  –   unter Schmerzen gelernt (Bürgerkrieg) –  die das libanesische Volk  im Wesentlichen zusammenhalten. Möge das beispielgebend für diese ganze Weltgegend hier werden.

Ich wünsche mir, dass das Nachdenken in der Consultation nächste Woche und die Kraft der Kirchen hier (die man in Byblos deutlich spürt), dazu beitragen.

 

Kreuzfahrerkirche St. Marc-John

Kreuzfahrerkirche St. Marc-John

St. Marc-John innen

St. Marc-John innen

 

 

 

 

 

Education

16 Jun

Immer wieder steht der Libanon im Nahen Osten vor allem für qualifizierte Bildung.

Ist das möglicherweise mit ein Grund für seine derzeitige Stabilität –  obwohl es seit zwei Jahren kein Staatsoberhaupt gibt und der Staat als solcher  eh nicht viel zu sagen hat. Die zivilen (und nichtzivilen) Kräfte der Gesellschaft haben viel Verantwortung übernommen. Könnte ein Lehrstück für manche in (Ost-)Deutschland sein. Von den Schulen über den Sport bis zum Gartenverein und Altenclub übernehmen religiöse und kulturelle Gruppierungen die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens.

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Kirche auf dem Campus der AUB (Amerikanische Universität in Beirut)

Die Schulen sind das Beste, sagen mir hier einige. Und hinter vorgehaltener Hand auch, dass das möglicherweise auf den stillen Einfluss der Protestanten in dieser Weltgegend zurückzuführen sei.

Der macht sich auch in anderen Bereichen geltend. So haben etwa die orthodoxen Kirchen im Land nach dem Ende des Bürgerkrieges (1990) angefangen, den Nachwuchs nicht nur mit Sonntagsschule und Jugendgruppen  neu für ein sinnvolles  Leben im Frieden zu orientieren. Mehr und mehr etablieren sich auch Bibellesegruppen und Kreise, in denen nach der praktischen Konsequenz christlichen Glaubens in der heutigen realen Lebenssituation gesucht wird, also Theologie betrieben wird.

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Hausmeister Abou Elias vor dem Eingang zur NEST

Für das kommende Studienjahr sind auch wieder steigende Zahlen von Studierenden an der NEST, der einzigen Evangelischen Theologischen Hochschule im Nahen Osten angesagt.

Jedenfalls versprechen die Veranstaltungen zum Thema „Reformation in der einen Welt“ in der consultation, die nächste woche beginnt, spannend zu werden.

Bis dahin sind noch ein paar Tage Zeit und ich versuche, sie für mein Projekt „Geschichten von Byblos“ zu nutzen.

So war ich heute wieder einmal im archäologischen Museum der AUB und die vielen Ausstellungsstücke dort haben mir wieder Geschichten erzählt und Hintergründe offenbart, die ich gern noch in mein Buch aufnehme.

Sind das nicht eindrückliche Zeugen einer erinnerungswürdigen Vergangenheit in einer bedeutungsschweren Weltgegend?

 

"Grüß euch ihr Nachgeborenen"

„Grüß euch ihr Nachgeborenen“

 

 

"Damit lebten wir"

„Damit lebten wir“

"So wohnten wir"

„So wohnten wir“

 

 

 

 

Wieder da

16 Jun

Da gibt es so einen Hebel in meinem Rücken – wenn ich den umlege, kann ich ganz schnell von einer Welt in die andere switchen. Der Flug mit Bora-JET über Adana war angenehm und grad in Beirut gelandet, war ich wieder voll da. Der bestellte Taxifahrer kam nämlich nicht und so musste ich privat zur Deutschen Gemeinde finden, was aber überhaupt kein Problem war. Den Weg bin ich doch schon oft gefahren.

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Leere Straße in Beirut

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Blick von meinem Balkon

Diesmal bin ich also im Gemeindehaus der „Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache“ untergebracht, in einem angenehmen Gästezimmer gleich neben Pfarrer Jonas Weiß-Lange und seiner Frau Chris, mit denen ich auch den ersten Abend verbracht habe. Es gibt ja so viel zu erzählen.

Von meinem Balkon im 7. Stock habe ich einen Blick über halb Beirut, bis zu den Bergen, und um die Ecke auch aufs Mittelmeer. Beirut ist eine Baustelle – wie immer. Einige neue Häuser sind hochgezogen. An anderen wird geschafft. Aber alles geht langsamer zur Zeit und ruhiger. Selbst der Verkehr ist überschaubar. Es ist Ramadan.

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An der Corniche

Offenbar nutzen viele Leute diese Zeit, um Urlaub zu machen. Schulen und Universitäten sind schon geschlossen. Touristen aber nicht viele da. So kommt es, dass ich mich fast wie zuhause fühle, zumal auch die Temperatur noch angenehm ist – grad 25° C.

Gestern bin ich den ganzen Tag mit Jon Armajani unterwegs gewesen. Er ist iranischer Abstammung und jetzt Professor für Theologie und Islamwisschenschaft in Minnesota. Alle Jahre wieder treffen wir uns hier in Beirut und tauschen uns aus – über Iran und Deutschland, den Nahen Osten und Afrika und dann noch über Gott und die Welt.

Die meiste Zeit haben wir in der AUB verbracht, der „American University of Beirut“, die 1866 gegründet wurde.

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Altehrwürdige AUB, seit 150 Jahren das Bildungszentrum Beiruts

Obwohl Semesterferien, war der Campus gut besucht, die Bibliothek voll mit Studierenden, ca. 8000 zurzeit, sagt Jon. Er hat in den vergangenen vier Wochen an der armenischen Universität, der „Haigazian“  (800 Studierende) Vorlesungen gehalten, u.a. über „Jesus und Maria im Islam und im Christentum“.

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Jon Armajani vor der neuen Fakultät der Internationalen Beziehungen in der AUB

In der NEST traf ich neben vielen alten Bekannten auch Mary Mikhael die ehemalige Direktorin der NEST, die vom Engagement der Kirche in der Flüchtlingsarbeit erzählte. Ein Schwerpunkt liegt auf der Bildungsarbeit. An vier Orten im Land werden über 250 Flüchtlingskinder aus Syrien (6-11 Jahre) von Ehrenamtlichen im normalen Curriculum der Grundschulen hier unterrichtet. Das Lernen und die Zuwendung sollen auch helfen, mit den traumatischen Erfahrungen, die sie im Krieg gemacht haben, leben zu lernen.

Es ist schon vom ersten Tag an spannend, wieder hier zu sein, in diesem Land, dass seine Vielfalt bewusst gegen die Einfalt der Fundamentalisten rundum setzt.

 

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