Ruhestand ?

3 Jul

Ja, im März wurde der Krieg im Land intensiver und ich musste den Libanon verlassen. drei Monate habe ich in Deutschland ausgeharrt, bis die Sicherheitsstufe durch das Auswärtige Amt wieder herabgestzt wurde und ich wieder einreisen konnte.

Nun habe ich nur noch eine kurze Zeit hier, meine Beauftragung für den Pfarrdiest in der Deutschen Gemeinde im Libanon und Syrien ist zuende und ich werde nach Deutschland zurückkehren.

Nein, es ist noch nicht wirklich Friede im Land, aber die Hoffnung, diese nicht totzukriegende Kraft, wächst wieder. Es gibt also zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine „Vereinbarung“ zwischen den Ländern Libanon und Israel, die die Absicht erkennen lässt, möglichst in friedlicher Nachbarschaft zu leben. Aber alle wissen: Papier ist geduldig.

Erstaunlicherweise hat eine gerade gestartete Umfrage (unabhängiges Institut) ergeben, dass

84 % der Drusen

82 % der Christen

68 % der Sunniten

und 35 % der Schiiten

die Verhandlungsbereitschaft der Regierung mit Israel unterstützen und letztlich eine friedliche Nachbarschaft für möglich halten. Das gönne ich dem Land von Herzen!

Und schon sind erste Auswirkungen sichtbar. (Libanesen sind schnell und findig!) Die Golfstaaten haben ihre Reisebeschränkungen für Libanon aufgehoben und die hiesige Tourismusindustrie stellt sich gerade auf einen neuen Besuchersturm im Sommer ein. Auch der Handel kommt wieder in Schwung und die arabischen Länder stehen mit einem Fuß in der Tür, um sobald ein Ende der Kampfhandlungen in Sicht ist, hier ihr Geld zu investieren.

Leider sind die Kampfhandlungen noch nicht zuende. Jeden Tag, immer noch bombardiert die israelische Armee im Süden und in der Bekaa Schussnalagen und Munitionslager, aber auch zivile Häuser und ganze Dörfer und zerstört nach wie vor Landschaft und Kulturgüter. 10 km weit ins Land wollen sie sowieso bleiben.

Die Regierung verhandelt zäh über einen Zeitplan für den Abzug der israelischen Truppen – das ist die Voraussetzung dafür, dass die libanesische Armee die Sicherheit in den Regionen übernehmen kann. Erst dann wird an einen Wiederaufbau gedacht werden können.

Viele Libanesen haben ihre Zweifel, ob das so bald sein wird.

Ich bin nicht die einzige, die gerade ihren Dienst beendet. Mein langjähriger gleichaltriger Freund und Kollege, Rev. Habib Badr (siehe Headfoto, oben auf der website) wurde zwei Tage vor mir mit einem großen Gottesdienst und einer Feier in den wohlverdiensten Ruhestand verabschiedet.

Ich habe am 28. Juni dankbar mit der Gemeinde meinen Abschied aus diesem Pfarramt gefeiert – und damit auch mein Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben: nach 50 Jahren (!) im Pfarrdienst.

Anschließend haben wir dann wenigstens mit all denen die noch – oder schon wieder – da sind ein fröhliches Sommerfest gefeiert. Nachdem Ostern, Pfingten, der Frühlingsbasar und die Ausflüge wegen des Krieges in diesem Frühjahr ausfallen mussten, hat es die Gemeinde sichtbar genossen, endlich wieder etwas feiern zu können. Darin sind sie ja wirklich stark!

Nun werde ich dieses schöne gebeutelte Land erst einmal verlassen, aber – ich hoffe sehr auf immer wieder neues Wiedersehen!

Inside Lebanon – other news

9 Mär

Ich weiß, dass sich jetzt viele Menschen in Deutschland Gedanken machen und sich um uns sorgen. Allen möchte ich sagen: Nein, was in deutschen Medien verbreitet wird ist nicht die ganze Wahrheit. Ja, es ist wieder Krieg in der Region, aber man muss schon genauer hinschauen, was passiert.

Die israelische Armee bombardierst im Süden und im Osten des Landes Gebäude, in denen sie Hisbollah Kämpfer oder Waffen vermutet und in den südlichen Vororten von Beirut Banken und ähnliches, das der Hisbollah gehören soll. Und jagt iranische Offiziere der Revolutionsgarden, die hier die Hisbollah befehligen.

Wir leben aber in einem anderen Teil der Stadt, der überhaupt nicht betroffen ist. Außerhalb der genannten Bereiche geht das Leben hier im Land völlig normal weiter. Es wird gearbeitet, gebaut, unterrichtet. Die Geschäfte und Restaurants sind voll. Und am Wochenende fahren die Leute in die Berge zum Ski.

Der Staat hat inzwischen eine Reihe Unterkünfte für die Vertriebenen aus dem Süden bereit gestellt, in Schulen, Sportstadien u.ä. die Zelte sind von den Straßen verschwunden. Polizei regelt den Verkehr.

Eine Reihe Hilfsorganisationen kümmern sich außerdem um Essen, Kleidung, Medikamente. Daran sind auch wir beteiligt mit unserer Sozialarbeit.

Kirchen und Klöster haben ihre Pforten geöffnet, vor allem für die Hausangestellten und Gastarbeiter aus Afrika und Asien. Anwohner kochen Essen und bringen es vorbei.

Schlafstelle für Gastarbeiter im Jesuitenkloster

Verteilung von Essen und Kleidung an der St. Josephskirche

Die Solidarität ist beeindruckend, aber auch die durchorganisierte Logistik. Man hat hier halt schon viel Erfahrung mit dieser Situation, die ja regelmäßig wiederkehrt. Die meisten tun gelassen, was getan werden muss.

Gestern war ich in St. Joseph zur Messe. Der rk Bischof hat gepredigt (sehr gut!) und den Menschen Mut gemacht. Johannes 4 war dran, Jesus, der zur Samariterin sagt: ich bin durstig. Aus sie ist durstig. Wir alle sind durstig, dürsten nach Frieden und Sicherheit, nach Liebe.

Weltgebetstag: Jesus sagt, kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. – Ja, wir sind belastet mit diesem Krieg, mit dem Hass, der Unversöhnlichkeit, der Spaltung der Gesellschaft. Wir sind müde, soooo kriegsmüde. Aber wir können singen und ebten und helfen.

Die Messe, das Singen und Beten hat die Menschen spürbar erquickt und gestärkt.

Rundum geben sich Menschen Mühe, einander Gutes zu tun, andern eine Freude zu machen, Christen wie Muslime. Auch das ist Widerstand gegen alles Böse und Negative.

Ich habe Hoffnung, dass der Libanon gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird.

Auch wir in der Gemeinde halten aneinander fest, halten täglich Kontakt miteinander und ermutigen uns zur Zuversicht. Und wir tun uns und anderen Gutes.

So bin ich am Samstag mit Frank, der für MISEREOR hier arbeitet, nach Byblos gefahren. Wir haben das „Bird’s Nest“ besucht, ein ehemaliges Waisenhaus für armenische Kinder, die den Genozid und die Verteibung überlebt haben. (Literaturtip: Pierre Jarawan, Frau im Mond). Ein sehr betroffen machendes Museum und Erinnerungsstätte – an Menschen, die dem Bösen Widerstand geleistet haben durch Gutes tun.

Byblos ist immer ein Ort des Friedens und der Erholung. Das haben wir auch genossen.

Im Hintergrund die Kreuzfahrerkirche St. Jean Marc

In meinem Lieblingsrestaurant „Bab el Mina“ (Literaturtip: Renate Ellmenreich, Geschichten aus Byblos)

Und dann sind wir noch zur Afqa Quelle in die Berge hoch gefahren, fast an der Schneegrenze, wo der Ibrahimfluß entspringt.

Der Libanon ist und bleibt ein schönes und liebenswertes Land!

Kairo

27 Feb

Endlich konnte ich einmal ein paar freie Tage dazu nutzen, einen alten Traum zu verwirklichen und die ägyptische Hauptstadt zu besuchen. Allerdings war der Beginn des Ramadans nicht gerade eine günstige Reisezeit. Viele Ägypter gehen morgens um 6 Uhr schlafen und stehen erst am Spätnachmittag wieder auf. Tagsüber haben fast alle Geschäfte zu, die Retaurants auch. Dafür beginnt nach Sonnenuntergang das pralle Leben. Geschäfte und Restauarants haben die ganze Nacht geöffnet, die Straßen sind hell erleuchtet, in den Nebengassen sind lange Tische gedeckt und viel Ramadandeko aufgebaut. Musik spielt überall, Feuerchen brennen – denn in Kairo wird es nachts richtig kühl, schließlich sind wir nah der Wüste.

Die touristischen Stätten haben aber tagsüber geöffnet und so hat sich meine Reise doch sehr gelohnt. Ich habe natürlich den dortigen Kollegen und die deutsche Gemeinde besucht, war im Gottesdienst mit ihnen in der Kapelle der Berröerinnen und habe an einem Gemeindeabend über Libanon und unser Leben und Arbeiten hier erzählt.

Kappelle und Garten der Schwestern

Die Vorherrschende Farbe in der Stadt ist Grau, im Zentrum gibt es neben vielen Wohnblöcken auch vornehme Villen, Jugendstil und Bauhausarchitektur.

Die Straßen sind breit, die Häuser hoch, das Land ist weit, wüstige Flächen mitten in der Stadt und hochmoderne Satellitenvostädte rund um das alte Kairo, Block an Block.

Blick von der Terrasse der Wohnung eines Freundes, die ich für die Tage hier nutzen durfte über die Dächer von Kairo Downtown

Aber dann: der NIL ! Am schönsten natürlich von einer Feluke aus gesehen.

Mit dem Pfarrehepaar der hiesigen Deutschen Gemeinde

Dann gibt es in Altkairo das koptische Viertel. Kirche an Kirche, Klöster – und eine Synagoge.

St. George

Eine Besonderheit ist hier, dass an vielen Stellen eine Legende verehrt wird, die mit der Flucht der Heiligen Familie aus Bethlehem nach Agypten zu tun haben soll. So gibt es Orte, wo Maria Jesus gestillt und andere, wo sie ihn gewindelt habe usw.

Die Synagoge

Die „hängende“ Kirche, erbaut über einem römischen Festungstor

Zu all diesen wunderbaren Gebäuden und ihrem reichhaltigem Inhalt kann man viel in einschlägigen Reisebüchern oder auch bei Wikipedia, weshalb ich hier auf die ausführlichen Beschreibungen verzichte, um bisschen Platz zu sparen.

Doch ich möchte ergänzen, dass ich mich diesen Tag über im koptischen Viertel sehr wohl gefühlt habe. Die Atmosphäre war wohltuend, einladend – aber nicht übergriffig. Und spirituell sehr berührend.

Hier noch die moderne Kathedrale St. Markus, Sitz des koptischen Papstes, zur Zeit Tawadros II. Sie ist die größte Kirche auf dem afrikanischen Kontinent, über 100 m lang und enthält neben vielen Kapellen auch den Schrein des Evangelisten Markus, der als der Missionar Ägyptens gilt.

Schrein mit den Gebeinen des ältesten Evangelisten des Neuen Testament, Markus

Und nun zur anderen, der noch älteren Geschichte Ägyptens. Das neue „Grand Egypt Museum“ ist wirklich grand, grandios! Es öffnet eine Weite, die die Größe und Höhe der damaligen Kultur ahnen lässt. Wunderbar gemacht und in sich stimmig. hier einfach ein paar Bilder, die aber nur annähernd wiedergeben können, wie beeindruckend die Komposition ist.

Äußerer Sarg Tutanchamuns

Nach diesem Ausblick aus dem Museum waren natürlich die Pyramiden dran.

Die Steinblöcke fast so groß wie ich

Liegt es vielleicht daran, dass wir zwar das Leben kennen, aber nicht, was danach kommt, dass die Kultur um Bestattung, Tod und ewiges Leben einen so bleibenden Fußabdruck in der Geschichte der Menschheit hinterlassen hat? Hier, wie mir scheint stärker, als zB in unseren Breiten. Nach soviel Totenkult hab ich mich ein bisschen nach der Feier des Lebens gesehnt.

Und nun noch zu Saladins Zitadelle

Blick von der Zitadelle auf Kairo

Im alten Ägyptischen Museum war ich natürlich auch noch – und an manchen anderen Stellen, das kann ich hier gar nicht alles zeigen.

Ich möchte euch sagen: Ägypten ist eine Reise wert!

Und nun wieder zuhause in Beirut – bangendes Erwarten was kommt als Nächstes in dieser Region. Ihr kennt die Nachrichten. Wir ertragen sie.

Wie schön, wenn dann der deutsche Bundespräsident ein bisschen Zuversicht verbreiten kann!

Und weiter…

8 Feb

Gestern wurde aus Anlass des 5. Todestages von Lokman Slim eine Fotoausstellung im „Union Marks“ hier in Beirut eröffnet. Sie trägt den Titel „REMAINING“.

Lokman Slim, Wandbild

Gezeigt werden Fotos des Journalisten Edouard Alias, die an die 20 aus politischen Gründen ermordeten Menschen im Libanon zwischen 2004 und 2025 erinnern.

Lokmans Witwe Monika Borgmann hat Ihre Namen verlesen und betont, wie wichtig das Erinnern für eine gerechte Aufarbeitung und juristische Bewältigung ist.

An der Wand lief in Endlosschleife ein Video, das die Bergung der vielen Leichen und Verletzten des Autobombenanschlags auf Rafik Harriri zeigt. Allein diese Bilder zu sehen bereitet seelische und körperliche Schmerzen. Wem die Geschichte nicht vertraut ist, dem empfehle ich bei Wikimedia nachzulesen.

Aufarbeitung der Geschichte, vor allem des Bürgerkriegs ist ein Riesenthema hier und ganz schwer zu gestalten. Noch schwieriger scheint es zu sein, juristisch Verantwortliche zu belangen – ob im Bürgerkrieg oder in den vielen Katastropehn, die das Land heimgesucht haben – Explosion im Hafen, Bankencrash und andere Absonderlichkeiten.

Anderes Thema: Wusstet ihr, dass der Libanon ein Raketenprogramm hatte? Phantastische Geschichte! Als Literatur dazu empfehle ich Pierre Jarawan, Frau im Mond.

Reketennachbildung vor der armenischen Haigazian Universität in Beirut

Die Geschichte dieses Landes birgt unendliche viele unglaubliche Geschichten – man kann hier ein Leben lang daran studieren.

Und die jüngsten Nachrichten setzen alte Geschichte fort – jeden Tag bombardiert die israelsiche Armee im Süden Häuser und Dörfer, in denen sie Hisbollahleute vermutet. Weit über 100 tote Libanesen seit dem Waffenstillstand im Dezember 2024. Das Volk ist soooo müde vom Krieg. Ich auch.

Trotzdem machen die Leute weiter. Was auch sonst? Die vielen schönen Reden, die Im Parlament gehalten werden, vor allem wenn ausländische Besucher da sind schlagen sich noch nicht wirklich in spürbare Taten um. Aber alle warten darauf. Es fühlt sich hier im Land ein bisschen wie eine gespannte Feder an, bereit jeden Moment loszusprinten, wenn der Startschuß freigegeben wird. Wahrscheinlich ist aber, dass es nur langsam voran geht – sowohl mit Entwaffnung, als auch mit fiskalischer Verantwortung und juristischer Aufarbeitung. Am ehesten noch wird ökonomischer Aufschwung spürbar sein. Die Weltbank prognostiziert 4 % Wachstum für 2026.

Immer mehr Syrer kehren dem Libanon den Rücken und gehen in ihr Heimatland zurück, obwohl es dort alles andere als ruhig ist und die Einheit des Landes wohl noch lange eine Hoffnung bleibt. Eine deutsche Gemeinde hat sich in Syrien noch nicht wieder gegründet, doch die kleine deutsche Gemeinde im Libanon wächst, wenn auch mikroskopisch langsam. Aber es läuft liebevoll und fürsorglich immer weiter hier – dankbar erlebe ich dieses kleine Wunder.

Und manchmal muss man aber auch eine Pause machen, zum Beispiel wenn Verwandte und Freunde zu Besuch kommen. Hier erfreue ich mich eines freien Tages mit meinem Bruder im Garten von Beit Eddine, am 8 Januar d.J.

Blessed are the Peacemakers

3 Dez

Das war das offizielle Motto der Papstreise in den Libanon – und nun ist er schon wieder weg, der Pontifex.

Nach über zwei Jahren Kriegszustand hat eine Hoffnung und eine Aufbruchstimmung das ganze Land erfasst. Erstaunlich wie schnell auf einmal alles funktionieren kann – die Straßen repariert und gereinigt, mit Fahnen, Bildern und „Welcome“ überreich geschmückt. Und als er dann endlich kommt, kennt der Jubel keine Grenzen. In allen Straßen durch die Leo XIV. in seinem voll gepackten Programm kommt winken, singen und tanzen die Menschen. Eine Atmosphäre wie beim Kirchentag.

Alle seine Reden, soweit ich sie mithören konnte (hier lief ja auf allen Kanälen nichts anderes mehr) waren gute und richtige Worte. er hat die Politiker adressiert, für das Gemeinwohl aller zu arbeiten, ein gemeinsames Projekt „Libanon“ aufzubauen und nicht in Parteien und Religionen separiert zu bleiben. Er hat die Kirchen zu mehr Einigkeit aufgerufen über die Konfessionsgrenzen hinweg und es hat den Orthodoxen hier sehr gut getan, dass er die lokalen Heiligen verehrt hat. Und er hat in Richtung aller Religionsführer deutlich gesagt, dass sie nicht zulassen dürfen, dass Religion für Krieg, Gewalt und Separation mißbraucht wird.

Ökumenisches Gebet in der Harissa Kathedrale hoch über Jounieh

Er hat mit der Jugend getanzt und sie ermutigt, im Land zu bleiben und Hoffnung in die Zukunft zu tragen und er hat die Angehörigen der Explosion im Hafen (4.8.2020) vor der noch stehenden Ruine besucht, sie getröstet und mit ihnen gebetet. Die Verantwortlichen für diese Katastrophe sind immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden, die Opfer nicht entschädigt.

Wie schön, dass der Herrgott passenderweise am Morgen der Messe einen großen Regenbogen über dem Hafengelände hingestellt hat.

Blessed are the peacemakers!

Nun warten wir darauf, dass auf die guten Worte hin jetzt Taten folgen. Allzu wahrscheinlich ist das nicht, sagen hier viele. Das Land steckt fest, scheinbar nichts bewegt sich mehr. Im Süden bombt die israelische Armee fast täglich, 270 Zivilisten sind seit dem Waffenstillstand vor einem Jahr getötet worden. Über uns hier in Beirut dröhnen die israelischen Drohnen. Die Hisbollah denkt nicht daran, sich entwaffnen zu lassen, die libanesische Armee ist, trotz internationaler Unterstüzung, immer noch nicht in der Lage, das ganze Land militärisch zu sichern. Die Preise steigen unentwegt und geregnet hat es viel zu wenig.

Da ist es gut, dass der Papst nicht nur die Resilienz der Libanesen gelobt hat, sondern auch ihren Mut trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, immer wieder neu anzufangen und zivilgesellschaftlich kreativ zu sein herausgestellt hat. Es stimmt, das Land lebt, weil seine Bewohner es am Leben erhalten und lebendig gestalten. Das macht die Arbeit hier so interessant.

Ein Beispiel: Pater Majid Allawi, Konvertit und melkitischer Pfarrer, steckt seine ganze Lebensenergie in die Arbeit mit Obdachlosen (davon gibt es immer mehr, kein Wunder bei den Mietpreisen!) und Suchtkranken. Er arbeitet unabhängig von Kirchenstrukturen, weil er für alle da sein will, mit vielen Freiwilligen, oft ehemaligen Abhängigen, hat ein schönes Therapiezentrum in den Bergen, backt und verteilt Brot, schenkt Kaffee aus kümmert sich sogar um ausgesetzte Hunde. Er hat gerade eine Etage in einem Haus angemietet, wo wir ihm helfen für 20 obdachlose Männer Betten, eine Küche, Bad und Waschmaschine anzubieten. Dahinter steht keine Organisation – nur ehrenamtliches privates Engagement.

Pater Majid

Das ist auch Libanon. Genauso, wie die wunderschönen Seiten. Bevor ich im Sommer das Land verlassen habe, machen wir noch einmal einen wunderschönen Ausflug in die Berge. Das hat so gut getan.

Es tut auch jetzt gut, wieder hier zu sein und mit der Gemeinde zu arbeiten. Alle Gemeindearbeit läuft tapfer weiter, jeden Sonntag feiern wir Gottesdienst, unbeirrt treffen sich die Frauen, die Kinder und manche anderen Gruppen und nutzen jeden Tag, den wir leben zum Leben. Wir helfen uns gegenseitig, überall wo nötig und beten gemeinsam für Frieden.

Hier zB bei der Volstrauertagszeremonie auf unserem Friedhof. Das Begehen dieses Tages hat in diesen kriegerischen Zeiten hier eine ganz andere und wichtige Bedeutung. Wer zählt heute die täglichen Kriegsopfer in aller Welt? Das gemeinsame Gedenken stärkt die Arbeit für einen gerechten Frieden.

Und die Gemeinde und halb Beirut (nur leicht übertrieben) war glücklich, dass es in diesem Jahr wieder einen Weihnachtsbasar in der German Church geben konnte. Nicht nur ist das eine schöne Einnahmequelle für unsere Gemeindearbeit durch den Absatz all der Produkte, die die Frauen in der Gemeinde erarbeitet haben – es ist auch ein Treffpunkt, zu dem Menschen von weit her kommen und ein froher Auftakt für die Adventszeit.

Die Adventskränze, von Gemeindefrauen selbst gebunden

Weihnachtsplätzchen

Kuchentheke

Auch die Bundeswehr von UNIFIL war wieder hilfreich beim Grill

Ich bin dankbar für jeden Tagm, den ich hier sein darf und mit der Gemeinde arbeiten kann. Das Leben fühlt sich hier sehr lebendig an, vielleicht gerade, weil die Bedrohung im Hintergrund immer da ist. So erlebt man jeden Tag wirklich als Geschenk.

Und besondere Tage sind es auch , wenn nach der Arbeit die Freizeit kommt. Am Ewigkeitssonntag, dem 23. November war ich noch mal baden im Mittelmeer.

Damaskus

6 Jun

Endlich habe ich es geschafft, nach Damaskus zu kommen, eingeladen vom Pfarrer der nationalen evangelischen Gemeinde dort. In dieser Kirche haben wir auch Gastrecht, wenn sich wieder eine deutsche Gemeinde dort gründen sollte, für die ja die Beiruter Pfarrstelle mit zuständig ist. Grundlage ist gelegt.

Die ev. Kirche „Jesus das Licht der Welt“

Nun ein paar Eindrücke von meiner Reise. Am Grenzübergang staut sichs. Massen von Bussen, Taxis, Autos, bis oben voll beladen mit Matrazen und Koffern – viele Syrer kehren nun am Schuljahresende zurück und versuchen in ihrem Land wieder Fuß zu fassen. An der Immigration laufende bunte Willkommensbilder: „welcome home“ etc. Die Einreise ist kostenlos.

Die Autobahn (1A) nach Damaskus eingerahmt von Oleanderbüschen, rechts und links Anpflanzungen von Bäumen (Aufforstung). Man blickt in die Weite und schon öffnet sich im Tal die Stadt – sie ist riesig! Mein erstes Erlebnis ist ein Treffen politisch und menschenrechtlich engagierter Aktivisten, unterstüzt von MISEREOR in einem schönen alten Palast in der Altstadt. Die Plattform versammelt verschiedene lokale NGO’s, die sich um Frauenrechte, Bildung und Ausbildung, „Minderheiten“ u.ä. kümmern, aber hauptsächlich an der Formung einer aktiven Zivilgesellschaft arbeiten. Ein Hauptziel: den öffentlichen und politischen Raum nicht der HTS zu überlassen, die derzeit die Mehrheit in der neuen Regierung stellt, sondern die ganze Gesellschaft zu beteiligen und die Stimmen zu stärken, die bis jetzt nicht gehört werden. Ich war sehr beeindruckt von dem Mut, den Ideen und dem Elan dieser AktivistInnen, habe aber auch die Sorgen gehört, etwa über die Islamisierung des Schulwesens und die undurchsichtige Vergabe von Posten und Lizensen. Bitte versteht, dass ich kein Bild von der Gruppe poste.

In absolut allen Gesprächen – mit Taxifahrern, Kellnern, Verkäufern, Kirchenleuten überwiegt die Hoffnung. Man will der neuen Macht eine Chance geben. 54 Jahre Diktatur lassen eine Gesellschaft sich nicht über Nacht ändern. Es überwiegt erst einmal die Freude, alles sagen zu dürfen. Die Presse ist frei, die sozialen Medien sind freier. Es wird viel diskutiert über den Weg in die Zukunft. Und das ist gut so!

Da die großen Feiertage anstehen, Eid al Adha, sind die Menschen hauptsächlich damit beschäftigt, einzukaufen, was man an Geschenken kriegen kann. Es gibt im Prinzip alles. Billig ist nichts (außer Brot). Ich habe keinen einzigen Supermarkt gesehen, Lebensmittel werden in kleinen Geschäften verkauft, Obst und Gemüse auf der Straße.

Im Christenviertel habe ich fast keine verschleierten Frauen gesehen, in den anderen etwas 95 %, davon vielleicht 10 % hidjabverschleiert (nur Augen frei).

Die Altstadt ist tatsächlich so schön, wie man sie aus der Literatur kennt. Ich kam mir vor, wie in einer Geschichte von Rafik Shami.

Hier erst einmal ein paar eindrückliche Bilder von der Altstadt:

Kirche im Haus des Hananias, der den blinden Paulus sehend macht und taufte

Natürlich gehört der interessanteste Einkaufsbummel dem Suuq (Basar), wobei von Bummeln nicht die Rede sein kann. Es war mindetens so voll, wie auf deutschen Weihnachtsmärkten und ein entsprechendes Gedränge.

Im Christenviertel hinter Bab al Tuma (Thomastor) geht es ruhiger zu und sieht gediegener aus.

Aber auch das ist natürlich noch zu sehen: hier am Stadtrand von Damaskus:

Besonders beeindruckt hat mich der Besuch im Nationalmuseum:

Viel Grün dort, wie überhaupt in der Stadt, es gibt immer wieder Parks, wo sich Menschen erholen von dem Stress auf den Straßen. Der Verkehr ist in der Tat noch mal eine Verdoppelung des Beiruters.

Aber das Besondere im Museum (das sehr anschaulich die Geschichte von Palmyra darstellt) war eine aktuelle Ausstellung von Künstlern, die sich mit den Foltergefängnissen des Assadregimes auseinandersetzen. Die Aufarbeitung beginnt!

Aber die Hoffnung lebt!

Endspurt

25 Mai

Nun nähert sich meine Zeit im Libanon ihrem Ende. Am 1. Juli werde ich nach Deutschland zurückkehren. Wie es immer so ist, kulminiert zum Ende alles noch einmal. Wir hatten einen sehr schönen Frühlingsmarkt:

Haben uns mit deutscher Geschichte auseinandergesetzt, nachdem wir im 10. Filmtalk den Film „Nikolaikirche“ von Frank Beyer gesehen haben:

Immer wieder Besuche gehabt, mit denen wir Libanon merkunden und mit seinen Menschen i9ons Gespräch kommen. Die Aufbrauchstimmung nach der Wahl einer neuen Regierung hält noch an, ist aber verhaltener geworden. Noch ist die Hissbollah nicht entwaffnet, Israel nicht völlig aus dem Land verschwunden und die großen Investitionen lassen noch auf sich warten.

dennoch habe ich den Eindruck von vorsichtigem Wachstum – ökonomisch, aber auch gesellschaftspolitisch. Es gibt mehr Diskussionen und die Bereitschaft, sich einzubringen.

Zwei highlights aus der vergangenen Woche:

Wieder einmal ein Besuch der Schneller-Schule und ihrer neuen Direktorin Odette Makhlouf. Es ist immer wieder eine Freude, die fröhlichen Kinder und die engagieten Lehrer dort zu erleben.

Berufsausbildung der Elektriker

und der Tischler. Nachdem während des Krieges in der Werkstatt eingebrochen wurde, konnten inzwischendie gestohlenen Werkzeuge ersetzt werden . Die Werkstatt ist nun besser gesichert.

Und im Bibelgarten blühen die Rosen

Anschließend sind wir noch nach Zahle gefahren, die Hauptstadt der Bekaa. Ich habe diese Stadt zum ersten MAl besucht und bin begeistert:

Eine besondere Veranstaltung war die offizielle Verabschiedung von Professor George Sabra, dem vormaligen Präsidenten der NEST bei einem edlen Dinner. Mitarbeiter, Kollegium, ehemalige Studenten (viele, aus aller Welt!), internationale Partner und Famile brachten ihre große Hochachtung zu Ausdruck für einen Lehrer, der die protestantische Theologie umfassend, tief und kreativ reflektiert und an Generationen weitergeben hat, und über diese den Evangelischen Kirchen im Nahen Osten eine eigene und deutliche Prägung verliehen hat. Den vielen ehrenden Erinnerungen kann ich mich nur anschließen. Dass ich diese Region lieben gelernt habe und versuche, sie zu verstehen, verdanke ich zu einem wichtigen Teil seinen Vorlesungen, Seminaren und Ausflügen. Möge ihm ein kreativer Ruhestand bei bestmöglicher Gesundheit verliehen sein!

Nächste Woche wird es hoffentlich endlich nach Damaskus gehen. Dann werde ich hier natürlich berichten.

Noch mehr Erinnerung

21 Apr

Nach mehreren Feiern zu meinem 75. Geburtstag

Frühstück mit den Mitarbeitern,

großer Abendgesellschaft

und dem Frauentreff,

dann den Gottesdiensten zu Gründonnerstag

und Ostern

habe ich endlich Zeit gefunden, mich in die Museenlandschaft Beiruts zu begeben.

Hiuer zuerst Eindrücke vom Sursockmuseum mit wechselnden Ausstellungen libanesischer Gegenwartskünstler.

Hier zwei Bilder von Abdel Hamid Baalbaki:

Dieses Wandbild, unter den Schrecken des Bürgerkriegs entstanden, leitet über zum Urban Center, in dem die Auswirkungen des Bürgerkriegs sehr berührend veranschaulicht werden.

(Kinder beider Religionen, ca. 1975)

Die Schrecken des Krieges werden ausführlich beschrieben und dargestellt. Die Ursachen aber, die Gründe, die Täter, die Verantwortlichen werden nicht benannt. So ist das bis heute.

Versöhnung ist möglich – nach Vergebung.

Vergebung ist möglich – nach Schuldgeständnis und Reue.

Das muss noch passieren.

Erinnerungskultur ?

14 Apr

Heute von 50 Jahren, am 13. April 1975 begann „offiziell“ im Libanon der Bürgerkrieg, der erst im Oktober 1990 „offiziell“ beendet wurde. Spannungen, Scharmützel, Überfälle gab es auch vorher und nachher. Was es nicht gab, jedenfalls nicht ausreichend, ist eine Aufarbeitung der Ursachen und was alles in dieser Zeit passiert ist – weder juristisch, noch in einem gesellschaftlichen Diskurs.

Umso wichtiger die heute eröffnete Ausstellung von UMAM (https://en.wikipedia.org/wiki/Umam_Documentation_%26_Research) im Hangar in Haret Hreik:

Inzwischen scheinen auch andere einzusehen, wie wichtig eine gemeinsame Aufarbeitung all der Traumata ist, die der Krieg (und alle anderen Katastrophen in diesem Land) verursacht hat.

Hier ein Satz aus der Predigt des maronitischen Patriarchen in seiner heutigen Palmsonntagspredigt:

Patriarch Rahi: Lebanon needs a future that befits its history, which is why we must re-examine what happened, reconcile, and openly confront each other so that we can completely overcome this phase, just as other countries have succeeded in doing

Und so erinnert das Nationalmuseum zum heutigen Tag:

Mut macht auch, dass nun von höchster staatlicher Stelle ein anderer Wind weht und ganz neue Worte zu hören sind: Hier der Staatspräsident gestern:

President Aoun: It is time for all of us to say that only the state, its army, and its official security forces can protect Lebanon, and it is time to commit to the responsibilities that come with this stance so that Lebanon may endure, and so we may prove that we have learned from fifty years of our senseless wars

Mögen seine Worte im ganzen Land Gehör finden.

Erinnerungskultur ?

13 Apr

Heute von 50 Jahren, am 13. April 1975 begann „offiziell“ im Libanon der Bürgerkrieg, der erst im Oktober 1990 „offiziell“ beendet wurde. Spannungen, Scharmützel, Überfälle gab es auch vorher und nachher. Was es nicht gab, jedenfalls nicht ausreichend, ist eine Aufarbeitung der Ursachen und was alles in dieser Zeit passiert ist – weder juristisch, noch in einem gesellschaftlichen Diskurs.

Umso wichtiger die heute eröffnete Ausstellung von UMAM (https://en.wikipedia.org/wiki/Umam_Documentation_%26_Research) im Hangar in Haret Hreik:

Inzwischen scheinen auch andere einzusehen, wie wichtig eine gemeinsame Aufarbeitung all der Traumata ist, die der Krieg (und alle anderen Katastrophen in diesem Land) verursacht hat.

Hier ein Satz aus der Predigt des maronitischen Patriarchen in seiner heutigen Palmsonntagspredigt:

Patriarch Rahi: Lebanon needs a future that befits its history, which is why we must re-examine what happened, reconcile, and openly confront each other so that we can completely overcome this phase, just as other countries have succeeded in doing

Und so erinnert das Nationalmuseum zum heutigen Tag:

Mut macht auch, dass nun von höchster staatlicher Stelle ein anderer Wind weht und ganz neue Worte zu hören sind: Hier der Staatspräsident gestern:

President Aoun: It is time for all of us to say that only the state, its army, and its official security forces can protect Lebanon, and it is time to commit to the responsibilities that come with this stance so that Lebanon may endure, and so we may prove that we have learned from fifty years of our senseless wars

Mögen seine Worte im ganzen Land Gehör finden.